Das Tensegrity-Modell – ein neues Bild vom Körper
Faszien besser verstehen - Robert Schleip

Unser therapeutisches Handeln wird auch dadurch bestimmt, wie wir uns den menschlichen Körper vorstellen. Als Physiotherapeuten machen wir häufig die Erfahrung, dass die Arbeit an einem einzelnen Gelenk oder Beschwerdebild nicht zu den gewünschten Ergebnissen führt. Lesen Sie eine leicht verständliche Einführung zu den Muskel-Faszien-Ketten, einem Modell mit dem Potenzial, die Sichtweise auf unsere Arbeit grundlegend zu erneuern.
Prinzip Segelschiff: die Wirbelsäule
Mediziner und Orthopäden verwenden schon seit einigen Jahren das Bild von einem Segelschiff mit Mast, Wanten und Takelage, um die statischen Verhältnisse in der Wirbelsäule zu beschreiben: Ein solcher Mast trägt keine Last, sondern dient als stabiles Element innerhalb eines Verspannungssystems; viele Seile sind mit ihm verbunden und verleihen ihm so Stabilität. Er trägt kein Gewicht wie eine Säule – und ähnlich ist es auch in unserem Rücken. Die Wirbelsäule ist biegsam und ständigem Druck und Zug ausgesetzt (Abb. 1).
 
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Abb. 1_Das Segelmast-Prinzip der Wirbelsäule, medizinisch gesehen: Im Rücken sind Bänder und Muskeln gespannt, sie halten die Wirbelsäule aufrecht. In der Mitte verläuft der breite Rückenaufrichtemuskel, alle anderen Strukturen sind quer verlaufende weitere Haltemuskeln. Foto: perform-better.de
 
Was den Körper stattdessen aufrecht hält, sind die Faszien und Muskeln in einem dynamischen Spannungsnetzwerk. Wir wissen zum Beispiel, dass schon das bloße Aufrechtstehen eine ständige leichte Muskelanspannung und ständiges unbewusstes Balancieren erfordert. Leisten wir dies nicht, stürzen wir zu Boden. Schlafen wir, können wir nicht stehen, da dann der Muskeltonus ausfällt. Die Muskelspannung wiederum ist über die Faszien vermittelt und die Faszien stellen außerdem noch eigenständige Elemente in diesem Spannungsnetzwerk dar.
 
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Abb. 2_Ein Tensegrity-Modell: Die Zugspannung macht solche Systeme sowohl stabil als auch dynamisch. Foto: perform-better.de
 
Spannungsnetzwerke wie in der Architektur
Solche Spannungsnetzwerke gibt es als Statikkonstruktionen in der Architektur. Dort heißen sie »Tensegrity-Modelle« (Abb. 2). Diese Wortschöpfung setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen »tension« (Spannung) und »integrity« (Ganzes, Zusammenhalt). Amerikanische Künstler und Architekten haben solche Konstruktionen Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt.
Sie weisen folgende Merkmale auf:
  • Sie bestehen aus stabilen und elastischen Elementen.
  • Die elastischen Elemente stehen unter Spannung.
  • Die stabilen Elemente sind nur durch elastische Elemente miteinander verbunden.
  • Die stabilen Elemente berühren sich nirgends.
  • Die elastischen Elemente stellen Spannung im ganzen System her.
 
Faszienforscher gehen davon aus, dass auch der menschliche Körper nach dem „Prinzip Tensegrity“ gebaut ist: Lange Muskel-Faszien-Ketten bilden zusammen mit den Knochen ein Spannungsnetzwerk. Dieses System reagiert bei Bewegungen sehr fein, es ist dynamisch: Wenn wir einen Muskel an einer Stelle aktivieren, gibt es über die langen Faszienketten, an die er angeschlossen ist, eine Reaktion an anderen Körperstellen. Muskeln arbeiten also nicht isoliert, sondern immer verbunden im körperweiten faszialen Netz. Diese Ansicht geht über die klassische Anatomie mit ihrer Betrachtungsweise einzeln lokalisierbarer Muskeln hinaus. Sie identifiziert größere funktionale Faszieneinheiten im Körper.

Unsere Wirbelsäule ist eigentlich eine Wirbelschlange
Aus diesem neuen Bild vom Körper ergeben sich einige wichtige Konsequenzen, zum Beispiel für die bisherige Vorstellung von Knochen und Gelenken – denn in der Tat berühren sich fast nirgends im Körper Knochen direkt. Sie sind durch Bindegewebe – Knorpel, Kapseln, Bänder, Sehnen – flexibel miteinander verbunden. Denkt man so, ändert sich auch die Vorstellung von der Wirbelsäule: Sie ist eben kein tragender Pfeiler wie eine Säule in einem antiken Tempel, sondern nur eines der stabilen Elemente, noch dazu ein sehr besonderes, weil sie so beweglich ist; unsere Wirbelsäule ist eigentlich eine flexible Wirbelschlange. Denn das Rückgrat ist kein durchgehender Knochen wie etwa der dicke Oberschenkelknochen, vielmehr besteht es aus zahlreichen einzelnen Elementen, die nur von Bändern und einem ganzen System von Faszien und kleinen Muskeln zusammengehalten werden.
Faszienforscher betrachten inzwischen alle Fragen der Körperstatik, der Haltung und des aufrechten Ganges im Hinblick auf dieses dynamische Netzwerk im ganzen Körper und speziell im Rücken. In unserer Ulmer Forschungsgruppe beschäftigen wir uns besonders mit neuen Modellen des menschlichen Ganges sowie mit dem tiefen Kreuzschmerz.
 
Die Faszienzugbahnen des Körpers
Unser Körper ist also ein ganzes Netzwerk von verschiedenen Spannungselementen. Darin lassen sich nun einige größere, lange Muskel-Faszien-Ketten identifizieren. Diese myofaszialen Zugbahnen spielen unserer Meinung nach für Koordination und geschmeidige Bewegung eine besondere Rolle. Daher müssen sie im Training angesteuert und aktiviert werden, damit Koordination und reibungsloses Funktionieren in der gesamten Kette trainiert wird. Isolierte Übungen für einzelne Muskelgruppen wie im normalen Krafttraining reichen dafür nicht aus – aus Sicht der Faszienforschung zählen gerade die Fernverbindungen über den ganzen Körper. Wir wollen sie deshalb im Training gezielt aktivieren und sollten die wichtigsten großen Zugbahnen des Körpers kennen:
  • die oberflächliche Rückenlinie
  • die oberflächliche Frontallinie
  • zwei Laterallinien
  • die Spirallinie
 
Die Zugbahnen verlaufen jeweils über die Länge des Körpers, mehrere Körperteile und Extremitäten. Dabei haben sie Halte- und Bewegungsfunktionen, die Thomas Myers dezidiert beschreibt; wir begnügen uns hier mit den wichtigsten Stichworten.
 
Abb 3.
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Abb. 3_Die oberflächliche Rückenlinie: Sie verläuft von den Füßen (Plantarfaszie) über Rücken, Nacken, Schädel bis zu den Augenbrauen, stützt und schützt den Rücken und ist verantwortlich für die aufrechte Haltung und die Streckung des Oberkörpers nach oben und hinten.
 
Abb. 4
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Abb. 4_Die oberflächliche Frontallinie: Diese vordere Linie verläuft von den Zehen bis zum Becken, dann über den Bauch bis in den Hals und zum Kopf. Zwar ist sie zweigeteilt, doch im aufrechten Stand agiert sie wie eine einheitliche Zuglinie von unten nach oben. Ihre Aufgabe ist die Stabilisierung des Oberkörpers in der Haltung, außerdem macht sie Bewegungen und Beugungen, Heben und Senken des Oberkörpers möglich
 
Abb. 5
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Abb. 5_Die Laterallinien: Diese Zugbahnen verlaufen jeweils seitlich am Körper und klammern beide Außenseiten ein. Die Laterallinien beginnen oben an der Außenseite des Fußes, gehen außen um den Fußknöchel herum, weiter nach oben und dann wie ein Korbgeflecht an der Seitenlinie des Rumpfes bis zum Kopf. Sie sorgen für Balance zwischen der vorderen und der hinteren Linie, fixieren Rumpf und Beine, damit sie nicht einknicken, und sind an der Seitwärtsneigung des Körpers beteiligt. Außerdem bremsen sie zu starke Neigung und Rotationen.
 
Abb. 6
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Abb. 6_Die Spirallinie: Die Spirallinie windet sich um den Körper, sie ermöglicht Rotationen des Körpers und gegenläufige Bewegungen. Sie umhüllt den Körper wie eine Doppelspirale. Ihre Haltungsfunktion besteht darin, dass sie das Gleichgewicht auf allen Ebenen gewährleistet. Ihre Bewegungsfunktion liegt zum einen darin, dass sie beim Gehen eine exakte „Spurführung“ gewährleistet, zum anderen erzeugt sie Rotationen und stabilisiert den Körper
 
Abb. 3–6 aus dem Buch „Anatomy Trains“ von Tom Myers, mit freundlicher Genehmigung des Elsevier Verlags.